Störungen der Hirnleistung nach Herzklappen-Operation

Hirnleistungsstörungen lassen sich feststellen durch:

  • bildgebende Verfahren;
  • Auswirkungen in Sprache und Bewegung der Patienten.

Auf die bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanztomographie, Positronen-Emissions-Tomographie, Computertomographie, MEG, EEG soll hier nicht näher eingegangen werden, sondern auf die von Patienten wahrgenommenen Beeinträchtigungen.
Hirnleistungsstörungen treten nach Herzklappen-Operationen auf, sind jedoch fast immer reversibel, d. h. sie gehen von selbst zurück, oder die Störungen lasssen sich durch entsprechende Übungen beseitigen. Sie entstehen in erster Linie in der Zeit, in der Patienten während der Operation durch die Herz-Lungen-Maschine beatmet werden, da das Gehirn durch diese Maschine nicht so optimal mit Sauerstoff versorgt wird, wie es unsere natürlichen Organe schaffen.

Wir unterscheiden an Hirnleistungsstörungen:

  • Durchgangssyndrom
  • Aphasie
  • Dysarthrie
  • Alexie und Agraphie
  • Motorische Apraxie
  • Parese bzw. Hemiparese
  • Hemianopsie
  • Amnesie

Durchgangssyndrom
Wie der Name sagt, handelt es sich um vorübergehende Sprach- und/oder Bewegungsstörungen, die unmittelbar oder kurze Zeit nach der Operation auftreten - wir kennen diese Beeinträchtigungen auch als Folge anderer, nicht nur der Herzoperationen. Sie beunruhigen die Patienten, wenn sie diese Störungen wahrnehmen, was jedoch nicht bei jedem der Fall ist. Besonders aber beunruhigen sie die Angehörigen.
Diese Ausfälle verlieren sich innerhalb kurzer Zeit von selbst, wenn das Gehirn wieder regelmässig und ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird.

Aphasie - Sprachlosigkeit
Selten handelt es sich um eine komplette Sprachlosigkeit, eher um:

  • Motorische oder Broca-Aphasie,

die durch verlangsamtes Sprechen bei grosser Sprachanstrengung auffällt. Das Sprachverständnis ist auch beeinträchtigt, so dass das Reden miteinander schwerfällt.

  • Sensorische oder Wernicke-Aphasie

liegt dann vor, wenn neu Wörter »erfunden« werden oder bekannte Worte mit verändertem Sinn benutzt werden. Dann kann die Bedeutung oft nur vom Gegenüber erraten werden. Das Sprachverständnis der Patienten ist oft ebenfalls beeinträchtigt.

Dysarthrie
Bei diesem Symptom handelt es sich um eine verwaschene, undeutliche Sprache, bei der häufig die Sprachmelodie nicht mehr stimmt. Die Sprechgeschwindigkeit variiert sehr stark, so dass der/die Betroffene nur schwer, wenn überhaupt zu verstehen ist, obwohl der/die Betroffene sich grosse Mühe gibt.

Alexie und Agraphie
Bei der Alexie ist festzustellen, dass der/die Betroffene zwar die Buchstaben - mehr oder weniger - einzeln lesen kann, aber keine Zusammensetzung zu einem Wort oder einer Bedeutung möglich ist.
Eine Agraphie ist eine Unfähigkeit zu schreiben. Diese Störung soll erwähnt werden, weil Patienten sehr häufig so lesen und schreiben wie sie sprechen — gar nicht oder mit den oben erwähnten Schwierigkeiten.

Motorische Apraxie
Dieser Begriff kennzeichnet eine Störung bei der Ausführung von Einzelbewegungen oder Bewegungsabfolgen und betrifft fast immer Arme und Hände, Beine und Füsse. Ca. 80 % der aphasischen Patienten leiden auch unter einer solchen Bewegungsstörung.

Parese/Hemiparese
Die Lähmung/Halbseitenlähmung (von Halbseitenlähmung sprechen wir, wenn nur eine Körperhälfte betroffen ist) ist die bekannteste Auswirkung einer Hirnleistungsstörung und bildet sich in vielen Fällen spontan nach einigen Wochen zurück.
In 75 % der Fälle ist sie (bei Behandlung) nach sechs Monaten nicht mehr nachweisbar. Sichtbare Verbesserungen lassen sich auch noch nach längerem Behandlungszeitraum erreichen!

Hemianopsie
Diese Störung ist für Betroffene zunächst sehr »lästig« — handelt es sich doch um die Unfähigkeit, Dinge zu erkennen, die auf der linken oder rechte Seite des Gesichtsfeldes liegen. Liegt die Schädigung im Gehirn rechts vor, so werden Dinge nicht wahrgenommen, die im linken Sehfeld liegen — Patienten stossen sich an »deutlich sichtbaren« Gegenständen.

Amnesie
Als letztes Symptom sei die Gedächtnisstörung erwähnt. Diese zeigt sich in sehr unterschiedlichen Formen: Häufig ist die Lern- und Merkfähigkeit beeinträchtigt, d. h. neue Personen bleiben auch nach wiederholten Treffen fremd, unter Umständen wird der gleiche Zeitungsbericht mehrfach gelesen, ohne dass der Inhalt »wiedererkannt« wird, veränderte Handlungssabläufe können nicht erlernt werden etc. Die Erinnerung an frühere Ereignisse ist selten gestört.

Therapie = Besserung
Die Anzahl der möglichen Störungen, die nach erfolgtem Herzklappenersatz auftreten können, ist sehr lang — doch das Wichtigste kommt zum Schluss dieser Aufzählung, denn:

Therapie = Besserung ist möglich!
Das Erkennen der einzelnen Störungen ist mit Hilfe moderner Technik sehr gezielt möglich. Für Sprach- und Schreibstörungen wird dann mit Logopäden oder Logopädinnen ein auf einzelne Patienten abgestimmtes Programm ausgearbeitet. Das Gleiche gilt für die Bewegungsbeeinträchtigungen — dieses Therapieprogramm erstellen Krankengymnastinnen.
Patienten »bleibt« das Üben vorbehalten, denn je intensiver geübt wird, desto grösser ist der Erfolg in aller Regel, so dass das Üben mit Fortschritten oder zunächst auch nur mit Fortschrittchen im wahrsten Sinn des Wortes belohnt wird.
Sollten Übungserfolge einmal ausbleiben, wäre es schön, wenn Angehörige oder Freunde Mut machten.

Brigitte Vahsen, Mülheim (Jan. 2000)