Mangel der körpereigenen Gerinnungshemmstoffe Antithrombin, Protein C, Protein S


Antithrombin, Protein C und Protein S sind körpereigene Hemmstoffe der Gerinnung im Blut, die in der Leber gebildet werden. Sie sorgen im Normalfall dafür, dass die Blutgerinnung auf den Ort des Gefäßdefektes begrenzt bleibt und schalten die Blutgerinnung  bei ausreichender Gerinnungsaktivität ab.
Liegt ein Mangel eines dieser Stoffe vor, verschiebt sich das Gleichgewicht der Gerinnung in Richtung vermehrter Thrombenbildung, da die übrigen für die Fibrinbildung verantwortlichen Gerinnungs-Faktoren ja unverändert sind. Wir sprechen dann von „Thrombophilie“ oder „Hyperkoagulabilität“.
Für alle drei Gerinnungs-Hemmstoffe sind angeborene Störungen, d.h. Minderfunktionen, bekannt.

Funktion von Antithrombin, Protein C und Protein S

Antithrombin: Hemmung der aktivierten Gerinnungsfaktoren 10 (Xa) und 2 (IIa = Thrombin)
Funktion Protein C: Hemmung von aktiviertem Faktor 5 (Va) und aktiviertem Faktor 8 (VIIIa)
Funktion Protein S: Cofaktor von Protein C
(In der Abbildung stehen die grünen Pfeile für eine Aktivierung, die roten Pfeile für die Hemmwirkung der Antikoagulatoren.)

Was bedeutet das für mich?

Ein Mangel der Antikoagulatoren führt zu einer deutlich erhöhten Thromboseneigung. Die Risikostärke ist zum einen abhängig von der Art des fehlenden Hemmstoffes. Antithrombin-Mangelzustände bergen das höchste Thromboserisiko, Protein-C-Mangel das zweithöchste und Protein-S-Mangel von diese dreien das dritthöchste Risiko. In Risikosituationen, hier sind insbesondere die Einnahme von Östrogenen („Pille“, bestimmte Wechseljahrspräparate) und die Schwangerschaft zu nennen, steigt die Thrombosewahrscheinlichkeit noch einmal zusätzlich an. So haben Patientinnen mit diesen Mangelzuständen unter östrogenhaltiger „Pille“ (sog. Ovulationshemmer) ein erheblich erhöhtes Risiko. Weitere Risikosituationen sind Operationen, längere Immobilisation, Beinverbände, längere Flüge u. Reisen ohne Bewegungsmöglichkeiten, bösartige Erkrankungen, Erkrankungen, die mit Flüssigkeitsverlust einhergehen (Durchfälle etc.).
Außerdem ist eine erhöhte Rate von Schwangerschaftskomplikationen beschrieben, so dass eine Schwangerschaft immer der besonderen Überwachung und evtl. einer Medikation mit Heparinspritzen bedarf. Dies trifft in besonderem Maße für die Patientinnen mit Antithrombin-Mangel zu, hier muss in der Schwangerschaft immer eine Heparinpropyhlaxe durchgeführt werden.

Wie wird das behandelt?

Da diesen Mangelzuständen in der Regel ein genetischer Defekt zugrunde liegt, kann man diesen selbst nicht behandeln. Symptomlose Merkmalsträger ohne Thrombosen in der Vorgeschichte brauchen keine dauerhafte Medikation, sie sollten lediglich auf die oben genannten Risikosituationen aufmerksam gemacht werden und dann ausreichend mit Heparinspritzen versorgt werden.
Nach Thrombosen ist in der Regel eine Medikation mit einem die Blutgerinnung herabsetzenden Medikament zu empfehlen, in der Regel ein Vitamin-K-Antagonist (VKA, z.B. Phenprocoumon). Da bei Antithrombinmangel eine sehr hohe Rezidivrate (Wahrscheinlichkeit des Wiederauftretens von Thromboembolien) bei diesen Störungen besteht, ist oft eine dauerhafte gerinnungshemmende Therapie mit VKA notwendig.
Ovulationshemmer („Pille“ mit Östrogen) und andere Östrogenpräparate sollten abgesetzt werden, Ausnahme: Wenn aufgrund der Erkrankung ohnehin eine VKA-Therapie nötig ist, kann unter VKA das Hormonpräparat weiter eingenommen werden.

Ist diese Störung selten?

Im Vergleich mit anderen Thromboseneigungen Ja! Ca. 5 - 6 % aller Thrombosepatienten weisen einen solchen Mangel an Gerinnungshemmstoffen auf.

Wie ist das mit der Vererbung?

Es handelt sich um einen erblichen Gendefekt, der Männer und Frauen gleichermaßen betrifft (Erbgang autosomal dominant). Für Blutsverwandte 1. Grades (Kinder, Eltern, Geschwister) besteht daher eine 50%ige Wahrscheinlichkeit, ebenfalls Merkmalsträger zu sein. Eine Familienuntersuchung ist daher häufig sinnvoll, insbesondere eine Untersuchung der weiblichen Familienmitglieder vor geplanter Hormoneinnahme bzw. Schwangerschaft bzw. von evtl. an Thrombosen erkrankter Familienmitglieder zur Einleitung einer adäquaten Therapie.
Eine Untersuchung von Kindern ist in der Regel problemlos ab dem 6. Lebensmonat möglich.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Über den Hausarzt oder Facharzt erfolgt eine venöse Blutentnahme. Aus dem Blut kann dann die Aktivität von Protein C, Protein S und Antithrombin bestimmt werden. Allerdings gibt es hier einige Punkte zu beachten:

  • Wegen der relativ kurzen Halbwertszeit der Antikoagulatoren sollte ein langer Probentransportweg vermieden werden. Oft macht es daher Sinn, sich direkt in einem spezialisierten Labor oder bei einem spezialisiertem Facharzt (sog. Hämostaseologe = Gerinnungsspezialist) vorzustellen.
  • Die Untersuchung der Antikoagulatoren Protein C und Protein S ist unter Einnahme eines VKA schwierig und nur von erfahrenen Untersuchern beurteilbar. Fehldiagnosen sind leider häufig.
  • Die Aktivität von Protein S wird durch Östrogene (Ovulationshemmer, Wechseljahrspräparate, Schwangerschaft, Wochenbett) zum Teil deutlich erniedrigt. Es kommt daher oft zu einer Fehldiagnose z.B. bei Thrombose während einer Schwangerschaft. Das Protein S sollte daher auch außerhalb des Hormoneinflusses kontrolliert werden.
  • Optimal wäre also eine Bestimmung in einem Abstand von etwa 2 Monaten nach VKA-Einnahme oder Östrogeneinfluss.
  •  Gegebenenfalls sind fraglich pathologisch Befunde auf jeden Fall zu überprüfen.


Was kann ich tun?

Es gibt leider keine Ernährungsempfehlung, die die Gerinnung positiv beeinflussen kann. Bei Übergewicht sollte allerdings mittels vollwertiger, vitaminreicher Ernährung eine Gewichtsreduktion angestrebt werden. Regelmäßige Bewegung und sportliche Aktivitäten sind als Thromboseschutz sehr zu empfehlen. Sind bereits Thrombosen aufgetreten, sollten sie sich zur Vermeidung einer wiederholten Thromboembolie sorgfältig an die vorgeschriebene Medikation halten. Auch das Tragen von Stützstrümpfen (Kompressionstherapie) ist unbedingt zu empfehlen, da hiermit das Risiko einer häufigen, unangenehmen Spätkomplikation, des sog. postthrombotischen Syndroms (Schwellungen, Hautveränderungen, „offene Beine“), minimiert werden kann. Auch abendliches Hochlegen der Beine ist sinnvoll. Hitze der Beine, insbes. durch dauerhafte Sonneneinstrahlung, sollte vermieden werden. Saunabesuche werden dagegen, wegen  des Wechsels Kälte/Wärme, von einigen Patienten als angenehm empfunden.
Hier gilt also: einfach ausprobieren!

Dr. med. Hannelore Rott, Fachärztin für Transfusionsmedizin;
Gerinnungszentrum Rhein-Ruhr; Königstr. 13, 47051 Duisburg (Okt. 2010)