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Mein Herz schlägt unregelmäßig - was steckt dahinter?

Sie spüren, dass Ihr Herz nicht immer regelmäßig schlägt. Ihr Herz stolpert. Sie empfinden den einen oder anderen Herzschlag besonders kräftig. Vielleicht wird Ihr Herz deutlicher schlagen als zuvor.
Obwohl die Sie in Ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit nicht oder nur gering beeinträchtigt ist, fühlen Sie sich verunsichert. Was tun? Nichts zu unternehmen wäre der falsche Weg. Denn diese Symptome sind Warnsignale des Herzens. Scheuen Sie daher nicht den Weg zum Arzt, denn Sie sind es Ihrem Herzen schuldig.



Wenn der Arzt Vorhofflimmern feststellt
Nachdem der behandelnde Arzt Sie befragt, den Blutdruck gemessen und den Brustkorb mit dem Stethoskop abgehört hat, wird er ein EKG (Elektrokardiogramm) aufzeichnen. Anhand seiner Untersuchung und der Daten des EKG's kann der Arzt die Art der Herzrhythmusstörung feststellen. Besteht noch Unsicherheit in der Diagnose, kann es sein, dass ein Langzeit-EKG sowie ein Belastungs-EKG mehr Aufschluss über die Art der Herzrhythmusstörung  geben.
Ihr Arzt wird Ihnen mitteilen, dass bei Ihnen Vorhofflimmern mit unregelmäßiger Überleitung vorliegt. Ein Befund, der bei den oben beschriebenen Symptomen häufig festgestellt wird. Sie fragen sich, was bedeutet Vorhofflimmern, wie muss ich mich verhalten und wie wird es behandelt?

Das Herz-Kreislauf-System
Das Herz besteht aus einem rechten und einem linken Vorhof, sowie aus einer rechten und linken Herzkammer. Das "verbrauchte" sauerstoffarme Blut fließt aus den Venen in den rechten Vorhof. Die Trikuspidalklappe die den rechten Vorhof von der rechten Herzkammer trennt, ist das "Einlassventil" für die rechte Herzkammer. Aus der rechten Herzkammer wird das Blut durch das "Auslassventil" (Pulmonalklappe) in beide Lungenhälften gepumpt. Hier wird dem Blut Kohlendioxid entzogen und das Blut mit Sauerstoff angereichert . Es fließt als "frisches" Blut in den linken Vorhof durch die Mitralklappe ("Einlassventil") in die linke Herzkammer. Von hier aus pumpt das Herz das Blut durch die Aortenklappe ("Auslassventil") in die Hauptschlagader wieder in den Blutkreislauf.
Das rechte Herz ist verantwortlich für den Lungenkreislauf, wohinhingegen das linke Herz zuständig für den großen Kreislauf ist. So ist es verständlich, dass der linke Vorhof und die linke Herzkammer weitaus bedeutsamer sind, da sie die Aufgabe haben, das "frische" Blut in den großen Kreislauf zu pumpen. Treten hier Störungen auf, leidet der große Blutkreislauf darunter.

Der Sinusrhythmus
Der Herzmuskel zieht sich zusammen (Systole - Kontraktion) und entspannt sich (Diastole - Erschlaffungsphase) in einem ständig wiederkehrenden Rhythmus. Während der Systole sind Pulmonal- und die Aortenklappe offen und es wird das "verbrauchte" Blut in die Lunge sowie das "frische" Blut in den großen Kreislauf gepumpt. Während der Diastole füllen sich rechte Herzkammer mit dem "verbrauchten" Blut und linke Herzkammer mit dem "frischen" Blut.
Dieses geschieht im gleichmäßigen Rhythmus 60- bis 80mal in der Minute. Zuständig für die regelmäßige Herztätigkeit ist der Sinusknoten - der natürliche Herzschrittmacher. Der Sinusknoten befindet sich im rechten Vorhof dort, wo die obere Hohlvene in den rechten Vorhof mündet. Über ein Erregungsleitungssystem werden die Impulse an die Vorhöfe und Herzkammern weitergeleitet.  Damit aber Vorhöfe und Kammern  sich nicht gleichzeitig zusammenziehen - sondern verzögert erst die beiden Vorhöfe, dann die beiden Herzkammern -, gibt es eine Signalverzögerung durch den Atrioventrikular-Knoten (AV-Knoten). Läuft dieses alles koordiniert ab, spricht man vom Sinusrhythmus.

Was geschieht beim Vorhofflimmern?
Beim Vorhofflimmern hingegen läuft die Erregung des Herzens ungeordnet ab. Vor allem die Vorhöfe werden nicht mehr richtig elektrisch aktiviert. Es kommt zu vielen kleinen elektrischen Impulsen. Somit können über 300 Impulse in einer Minute durch eine kreisende elektrische Stimulation ausgelöst werden wobei die wichtigen Herzkammern nur unregelmäßig elektrische Signale erhalten. Dieses bewirkt der AV-Knoten, der als elektrischer Filter nur 60 bis 100 Impulse pro Minute weiterleitet. Die unregelmäßige Überleitung auf die Herzkammern kann auch durch den AV-Knoten nicht verhindert werden.

Wer erkrankt an Vorhofflimmern?
Vorhofflimmern tritt am häufigsten bei älteren Menschen auf. So sind etwa
2% bis 4 % der über 60jährigen  in Deutschland von dieser Herzrhythmusstörung betroffen.

  • Sinusknoten-Syndrom (kranker Sinusknoten);
  • Bluthochdruck;
  • koronare Herzerkrankung;
  • Kardiomyopathie und Herzinsuffizienz;
  • Herzklappenfehler;
  • entzündliche Herzklappenerkrankung;
  • Wolf-Parkinson-White-Syndrom (zeitlich verzögerte Überleitungszeit);
  • idiopathisches Vorhofflimmern (Ursache bleibt unbekannt);
  • Schilddrüsenüberfunktion.

Vorhofflimmern wird eingeteilt in das anfallsweise auftretende (paroxysmale) und das anhaltende (persistierende) Vorhofflimmern. Bei beiden Formen besteht die Möglichkeit, einen regelmäßigen Sinusrhythmus wiederherzustellen. Das dauerhaft anhaltende Vorhofflimmern jedoch kann nicht mehr behoben werden.
Besteht akutes Vorhofflimmern, sinkt die Herzleistung um 20 % bis 25 %. Patienten merken dieses besonders, wenn sie sich belasten.

Vorhofflimmern zeitig erkennen!
Vorhofflimmern kann das Risiko für mögliche Blutgefäßverschlüsse zum Beispiel im Gehirn (Schlaganfall), in den Nieren oder in den Beinarterien erhöhen. Da sich die Vorhöfe unregelmäßig bzw. nicht mehr zusammenziehen (kontrahieren) können, steht das Blut in einigen Bereichen im linken Vorhof bzw. im linken Vorhofohr. Damit können sich Blutgerinnsel bilden. Werden diese fort gespült und setzen sich diese zum Beispiel im Gehirn fest, kann es zum Schlaganfall kommen.
Wenn zusätzliche Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus ein vergrößerter Vorhof oder auch eine vergrößerte linke Herzkammer sowie vermehrte Spontanechos im Ultraschall bestehen, ist eine medikamentöse Behandlung mit Gerinnungshemmern zwingend erforderlich.
Eine längerfristige  Antikoagulation kann das Risiko möglicher Blutgefäßverschlüsse im Gehirn um 68 %, einer Embolie im großen Blutkreislauf um 65 % reduzieren. Eine möglicher tödlicher Gefäßverschluß kann um 33 % vermindert werden.

Wie wird Vorhofflimmern behandelt?
Der behandelnde Kardiologe wird mittels eines Ruhe-EKG's, eines Langzeit-EKG's und auch durch ein Belastungs-EKG den unregelmäßigen Herzrhythmus – also dem Vorhofflimmern – erkennen.
Insbesondere bei dem paroxysmal auftretenden Vorhofflimmern bzw. bei dem persistierenden Vorhofflimmern als Neudiagnose sollte eine relativ früh eingeleitete Behandlung zur Stabilisierung eines regelmäßigen Sinusrhythmus vorgenommen werden. Häufig helfen Medikamente, diese Art von Herzrythmusstörung zügig zu beseitigen. Man spricht hier von Antiarrhythmika.

Zunächst Grunderkrankungen ausschließen
Bevor sogenannte Antiarrhythmika verordnet werden, sollte der Arzt die primäre Ursache für das Herzstolpern nachweisen bzw. ausschließen. Besteht in dem einen oder anderen Fall der Nachweis primärer Ursachen wie z.B. Herzklappenfehler oder anderer Grunderkrankungen (siehe Aufzählung), so ist zunächst die Ursache zu beheben, um dem Herzen die Gelegenheit zu geben, selbstständig in einen regelmäßigen Sinusrhythmus zu gelangen.

Rhythmisierung des Herzens notwendig

Sind Grunderkrankungen ausgeschlossen und es besteht trotzdem ein dauerhaftes oder auch anfallsartiges Vorhofflimmern, so ist der Versuch einer schnellen Rhythmisierung empfehlenswert. Hierbei sind sogenannte Antiarrhythmika Mittel der ersten Wahl.
Zu bedenken ist allerdings, dass alle Antiarrhythmika mit  Ausnahme der Betarezeptorenblocker und der Kalium- und Magnesiumsalze in seltenen Fällen  ebenfalls zu paradoxen lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führen können. Aus diesem Grunde sollte bei einer Verordnung von Antiarrhythmika ein enger Kontakt zum Hausarzt gehalten werden, um mögliche neue lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen sofort zu erkennen.

Gerinnungshemmung ist notwendig
Wichtig ist es ,dass auch bei dem Versuch einer medikamentösen Rhythmisierung zuvor eine eingeleitete Antikoagulation (Gerinnungshemmung) mittels Marcumar® oder Falithrom® durchgeführt wird. Die Einleitung der sogenannten "Marcumarisierung" sollte drei Wochen vor Beginn der medikamentösen Rhythmisierung vorgenommen werden. Stellt sich unter der antiarrhythmischen Medikation ein stabiler (regelmäßiger Puls) Sinusrhythmus ein, so ist dennoch eine Gerinnungshemmung für weitere drei bis sechs Wochen durchzuführen. Erst nach diesem Zeitraum darf nur unter ärztlicher Aufsicht die "Marcumarisierung" ausschleichend beendet werden.

Die elektrische Kardioversion
Tritt nach einem medikamentösen Versuch kein stabiler Sinusrhythmus ein, so wird man sich zu einer sogenannten elektrischen Kardioversion entschließen.
Stenosen (Verengungen) der hirnzuführenden Gefäße sollten ausgeschlossen sein.
Die elektrische Kardioversion erfolgt mittels einer elektrischen Stoßschocktherapie . dadurch soll erreicht werden, dass der unregelmäßige Puls in einen regelmäßigen Sinusrhythmus zurückgeführt wird.
Wird eine elektrische Kardioversion durchgeführt, so ist es erforderlich, dass mindestens drei Wochen vorher mit der Antikoagulation begonnen wurde. Ein therapeutischer INR-Bereich von 2,0 bis 3,0 ist dabei einzuhalten.
Bei erfolgreicher Kardioversion - gleich ob medikamentös oder elektrisch - müssen Gerinnungshemmer weitere drei bis sechs Wochen lang eingenommen werden. Der therapeutischer Bereich beträgt ebenfalls INR 2,0 bis 3,0.
Danach kann bei stabilem Sinusrhythmus die Antikoagulation ausschleichend begonnen werden.

Wenn kein Sinusrhythmus besteht
Stellt sich kein Erfolg ein, den Herzrhythmus in einen Sinusrhythmus zurückzuführen, so handelt es sich um ein anhaltendes Vorhofflimmern und eine lebenslange Behandlung mit Gerinnungshemmern ist erforderlich.
Unter der Gabe von oralen Antikoagulantien wird eine Gerinnungshemmung eingeleitet, um die Gerinnungszeit des Blutes zu verlängern. Der therapeutische Bereich liegt zwischen INR 2,0 bis 3,0, das bedeutet, dass die Blutungszeitverlängerung um das zwei- bzw. dreifache der ursprünglichen Gerinnungszeit beträgt.

Der therapeutische Bereich ist unbedingt einzuhalten!
Ein Unterschreiten bzw. Überschreiten dieser INR-Werte sollte vermieden werden, da einerseits die Wahrscheinlichkeit einer Gerinnselbildung bzw. andererseits eine erhöhte Blutungsneigung besteht. Aus diesem Grunde ist die regelmäßige Kontrolle der Gerinnungswerte notwendig. Diese Kontrolle erfolgt hauptsächlich durch den behandelnden Arzt.
Man hat jedoch anhand nationaler und internationaler Studien festgestellt, dass weniger als 50 % der mit Gerinnungshemmern behandelten Patienten sich im vorgegebenen therapeutischen Bereich befanden.
Beim anhaltenden Vorhofflimmern besteht ein relativ hohes Risiko zu thrombembolischen bzw. Blutungskomplikationen, die den Patienten nachhaltig schaden.

Empfehlenswert ist eine ausgewogene Ernährung und körperliche Bewegung
Eine kaliumreiche Ernährung zum Beispiel mit Obst, insbesondere mit Bananen und auch Gemüse kann das Vorhofflimmern gelegentlich lindern. Besteht eine Einschränkung der Nierenfunktion sollte der Arzt befragt, ob eine erhöhte Zufuhr von Kalium in diesem Fall sinnvoll ist.
Aber auch der unkontrollierte Gebrauch von Abführmitteln kann dazu führen, dass Kalium dem Körper entzogen wird. Ein Vorhofflimmern kann dadurch verstärkt bzw. ausgelöst werden. Vom übermäßigen Alkoholgenuß ist ebenfalls abzuraten.
Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige körperliche Bewegung sind bei Vorhofflimmern empfehlenswert. Ganz zu schweigen vom absoluten Rauchverbot.

Weniger Komplikationen durch das INR-Selbstmanagement

Dieses war der Grund weitere Studien zu beginnen (ESCAT I und II), um anhand großer Patientenzahlen nachzuweisen, dass das INR-Selbstmanagement die Durchführung einer Behandlung mit Gerinnungshemmern deutlich verbessert. Mehr als 80 % der ermittelten INR-Werte lagen im vorgegebenen therapeutischen Bereich. Das Auftreten thrombembolischer Komplikationen wurde durch diese qualitätsverbessernde Einstellungsmethode deutlich reduziert. Insbesondere die Rate der Schlaganfälle verringerte sich um mehr als 50 %.
INR-Selbstmanagement bedeutet, dass der Patient lernt, die ermittelten INR-Werte dahingehend zu interpretieren , wie die Dosierung des Gerinnungshemmers zu erfolgen hat. Natürlich in enger Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt.
Es zeigte sich auch, dass aufgrund der Übernahme einer medizinischen Teilverantwortung seitens des Patienten nicht die Qualität der Behandlung verbessert, sondern auch die Lebensqualität gesteigert werden konnte.

Was bedeutet INR-Gerinnungs-Selbstmanagement?

Bei dauerhaften Vorhofflimmern bieten wir aufgrund der notwendigen lebenslangen Einnahme von Gerinnungshemmern das INR-Selbstmanagement an, um Vorteile zu erzielen wie:

  • Qualitätsverbesserung der Einstellung des therapeutischen Bereichs;
  • Verminderung der Komplikationen aufgrund der Gabe von Gerinnungshemmern;
  • Verbesserung der Lebensqualität;
  • Besseres Selbstbewusstsein des Patienten.


PD Dr. med. Heinrich Körtke, Herzzentrum NRW, Georgstr. 11, 32545 Bad Oeynhausen.

(Jan. 2002)